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A New Narrative for Europe? Der Weg ist das Ziel

Am 21. Jänner fand im Museumsquartier in Wien eine österreichische Inputveranstaltung zur Initiative des Präsidenten der Europäischen Kommission José Manuel Barroso für ein „Neues Narrativ für Europa“ statt. Präsident Barroso hatte diese Initiative ins Leben gerufen, um das Projekt Europa, das die Bürgerinnen und Bürger Europas vor allem nach dem Fall des Eisernen Vorhangs mit so großer Begeisterung erfüllt hatte, und dem heute mit Skepsis begegnet wird, neu zu emotionalisieren.

Was war passiert? Warum hat Europa den Enthusiasmus für eine gemeinsame Zukunft verloren? Dafür gibt es zahlreiche Gründe: das freie Europa ist für uns alle zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Zwar bedürfen die Durchsetzung der Menschen- und Freiheitsrechte und der Rechtsstaatlichkeit weiterhin großer Anstrengungen, aber die massive Unterdrückung der kommunistischen Diktaturen ist aus dem aktiven Gedächtnis Europas langsam in die Sphäre der Geschichte entschwunden.

Heute erleben wir die Ohnmacht des Einzelnen vor den Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise mit ihren schrecklichen Konsequenzen, wie viel zu hohe (Jugend-) Arbeitslosenzahlen und massive Budgetdefizite der EU-Staaten, die vor allem Zukunftsinvestitionen in Bildung, Wissenschaft und Forschung einschränken.

Aber vergessen wir nicht, was für Anstrengungen es gekostet hat, die freie Grenzen, die Beseitigung der Reisebeschränkungen, eine gemeinsame Währung oder tausendfach in Anspruch genommene Stipendienprogramme, die Jugendliche heute kreuz und quer durch Europa führen, zu verwirklichen! Leider gelten diese Errungenschaften oft als allzu selbstverständlich.

Präsident Barrosos Initiative wendete sich vor allem an Künstlerinnen und Künstler als direkter Schnittstelle zu den Menschen. Wie könnten sie Europa und seine Erfolgsgeschichte „neu erzählen“? Angesichts der Gedenken an die schrecklichen Geschehnisse des 20. Jahrhunderts – der erste Weltkrieg begann vor 100 Jahren, der zweite Weltkrieg vor 75 Jahren – muss doch das europäische Projekt als Erfolgsgeschichte bezeichnet werden: aber genügt dies für die Begründung seiner weiteren Entwicklung? Was würden sich europäische Jugendliche von dem Projekt Europa wünschen, das ihr weiteres Leben prägen wird?

Als österreichisches Mitglied der Auftaktveranstaltung der Initiative „A New Narrative for Europe“ am 23. April 2013 in Brüssel war es mir daher ein Anliegen, nicht nur KünstlerInnen, sondern v.a. die Jugend als TrägerInnen eines neuen Narrativs für Europa im Dialog mit Intellektuellen einzubinden.

Die spannenden Diskussionen am 21. Jänner im Museumsquartier zeigten, dass  dieser auch von der Vertretung der Europäischen Kommission in Österreich mitgetragene Ansatz richtig war und für die europaweiten Diskussionen einen wertvollen Input brachte.

Dabei standen die Emotionen im Mittelpunkt der Überlegungen. Sie blieben aber nicht nur ein Schlagwort, sondern waren während der gesamten Veranstaltung bei allen Diskussionsbeiträgen spürbar. Persönlich hat mich dabei die Reife der DiskutantInnen positiv gestimmt, die eine Verantwortung aller Beteiligten, sei es der Institutionen wie auch jedes Einzelnen als zentrales Element für den Erfolg des europäischen Projekts formulierten. Die Verantwortung als Basis jeden gesellschaftlichen Zusammenlebens macht deutlich, dass Europa mehr braucht als Begeisterung. Die Erkenntnis dieser Wechselwirkung scheint mir gerade angesichts steigender Skepsis und Kritik gegenüber dem europäischen Projekts besonders erwähnenswert.

Der tiefere Grund für Ablehnung ist in vielen Fällen die Projektion eines Gefühls der Angst, der Hilflosigkeit sowie mangelnder Information. Politische Instrumentalisierung und Ideologisierung von Angst stellen generell die größten Gefahren und die Ursache der größten Katastrophen unserer Menschheit dar. Die Überwindung der Katastrophe des Naziterrors und des Zweiten Weltkriegs war nur durch die historische Leistung der Gründungsväter der EU möglich, ihre gemeinsame Verantwortung für Europa nicht nur zu erkennen, sondern auch wahrzunehmen.

Der Dialog gerade und auch mit der Europa-kritischen Bevölkerung und die durch diese Kommunikation vermittelte Information war daher für die TeilnehmerInnen besonders wichtig. Eine zentrale Rolle kommt dabei den KünstlerInnen und Intellektuellen zu. Sie sind es, die ein modernes und der gesamten Bevölkerung (und nicht nur einer keinen Elite) verständliches Narrativ eines gemeinsamen Europas populär machen können: eine europäische Telenovela, Europa als digitale Social Media Plattform, ein Cartoon, ein Graffito, etc. Europa muss mehr sein als ein Elite-Club, es muss offen für alle sein und keine Festung, deren Zugbrücke zum Schutze der BewohnerInnen meistens hochgezogen bleibt.

Überraschend war der sehr positive Ansatz der Jugendlichen, als es um den Status Quo der Union ging: man möge doch das Schlechtreden der EU und die ständige Nabelschau beenden und sich vielmehr darüber den Kopf zerbrechen, welche Schritte man in der EU gemeinsam setzen wolle. Im internationalen Vergleich stehe die EU sogar sehr gut da!

Verantwortung in Europa ist für die Jugendlichen untrennbar mit Solidarität verbunden: eine Solidarität mit zweiseitiger Wirkung nach Innen und nach Außen. Provokant thematisierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unserer Veranstaltung, dass es zwar bereits eine Solidarität gebe, die aber nur das Geld bzw. Finanzfragen betreffe. Europa bedürfe jedoch viel mehr der eigentlichen Solidarität im humanitären Bereich, deren Fehlen besonders bei der Flüchtlingsfrage offenkundig werde. Der Wunsch nach einem in allen Bereichen solidarischen Europa im Gegensatz zu einem Europa als Kompromiss nationaler Interessen war der Grundtenor vieler Aussagen. Diese Solidarität erfordert aber ein klares Bekenntnis dazu, die Anliegen der EU-Mitbürgerinnen und Mitbürger anderer Staaten ernst zu nehmen und mit ihnen einen ständigen Dialog zu pflegen. Ja, eigentlich geht es doch bei dem Projekt Europa genau darum, nämlich um das Bekenntnis, dass wir mit anderen Bewohnerinnen und Bewohnern unseres Kontinents näher zusammenrücken und gemeinsam Problem lösen wollen, die für einen Mitgliedstaat allein zu groß geworden sind.

Europa muss allen seinen BürgerInnen die gleichen Chancen bieten. Europa scheint als Raum der Freiheit, des Rechts, der Sicherheit, der Stabilität und des Friedens vorgegeben. Europa ist das Friedensprojekt schlechthin, es muss aber für die Jugend darüber hinausgehen.

Europa ist nicht die Europäische Union und die Vereinigten Staaten von Europa sind nicht das Ziel. Hierin herrschte auch unter den Jugendlichen große Einigkeit. In diesem auf den ersten Blick bestehenden Widerspruch zwischen Idealismus und Realität kommt für mich allerdings besonders anschaulich der aktuelle Zwiespalt zwischen der Begeisterung für Europa und der Skepsis gegenüber den Institutionen bzw. der Politik zum Ausdruck.

Europa als Kollektiv scheint der zunehmenden Individualisierung unserer Gesellschaften zu widersprechen. Individualismus heißt für die Jugend aber nicht primär die Befriedigung eigener Bedürfnisse. Individualismus heißt vor allem, dass die Verantwortung jedem Einzelnen obliegt, wenn es um die Gestaltung Europas geht.

Wenn ich mir die Diskussionen bei unserer Veranstaltung im Musemsquartier ins Gedächtnis rufe, muss ich mir eingestehen, dass Europa vermutlich anders aussehen wird, als wir es uns heute für die Zukunft vorstellen. Angesichts der Reife und des hohen Verantwortungs- und Wertebewusstseins der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, bin ich aber zuversichtlich, dass Europa seine große Zukunft noch vor sich hat und eine gedeihliche Entwicklung nehmen wird.

Europa wird vielleicht kein Land, keine Identität und vielleicht auch keine Institution werden. Europa ist jedoch ein Wert und ein umfassendes gesellschaftliches Wertesystem, das unabhängig von der Skepsis gegenüber der EU in der Welt als Maßstab gilt und für uns das Leitbild darstellt, nach dem wir stets streben müssen. Frei nach Mahatma Gandhi: „Europa ist nicht das Ziel, Europa ist der Weg.“