Tina

Die Brüsseler Medienblase – Erasmus für Erwachsene

Einige Monate, nachdem ich von Brüssel nach Berlin gezogen war, um Europapolitik gegen Berliner Stadtpolitik zu tauschen, habe ich einen alten Brüsseler Freund getroffen. Martin hat von ECOFIN-Treffen erzählt und langen Gipfelnächten, technischen Hintergrundbriefings und schwierigen Verhandlungen mit den finnischen KollegInnen. Ich habe genickt, gelächelt und viel nicht verstanden. So schnell ist Brüssel also weit weg.

Ich musste an meine ersten Wochen in dieser Stadt denken. Und wie ahnungslos ich dort angekommen war. Das fängt bei banalen Dingen an. Welche Personen treffe ich in welchem Gebäude? Welche Straßen werden morgens vor einem EU-Gipfel abgesperrt? Aber auch: Welche Minister kommen zu welchem Ratstreffen? Wie komme ich an vertrauliche Dokumente? Bis hin zu inhaltlichen Diskussionen: Wie funktioniert der Rettungsschirm? Darf Dänemark wirklich wie es will seine Grenzen kontrollieren?

Am Anfang hatte ich nur eine Frage: Wie in aller Welt lerne ich in dieser Informationsflut das Wesentliche von dem Unwesentlichen zu unterscheiden?

Die Antwort liegt im Wesen der Brüsseler Medienblase: Da arbeiten rund 1.000 Journalisten Seite an Seite, die meisten nur für zwei bis drei Jahre entsandt, alle darum bemüht, die kompliziertesten Sachverhalte möglichst schnell zu verstehen. Es gibt keine (oder kaum) Konkurrenz, und die Hilfsbereitschaft ist sehr hoch. Irgendjemand hat immer verstanden, wie aus einem Streit um Emissionszertifikate ein Handelskrieg werden kann. Oder warum Angela Merkel unbedingt noch vor dem nächsten Gipfeltermin im Bundestag Rede und Antwort stehen muss. Man tauscht sich aus, jeden Tag, und lernt von denen, die schon länger dabei sind. Es ist eine große, bunte Familie – nur dass die Familienmitglieder aus 28 verschiedenen Ländern kommen. Erasmus für Erwachsene.

Plötzlich liest man nicht mehr nur die österreichischen Zeitungen, sondern auch die deutschen, britischen und französischen. Und merkt:  Die erzählen die Geschichte ja teilweise ganz anders!

Man telefoniert mit Pressesprechern und Experten aus den verschiedensten Ländern. Und merkt: So habe ich das ja noch nie gesehen! Man unterhält sich mit Kollegen und Freunden in Brüssel und zuhause und merkt: Die haben völlig unterschiedliche Informationsquellen! In Brüssel heißt es, dass man als Korrespondent rund ein Jahr braucht, um halbwegs durchzublicken. Dann wiederholen sich die Treffen, auch die Themen und Presseerklärungen. Die Akteure wechseln immer dann, wenn in einem Mitgliedsland Wahlen waren. Nach einem Jahr ist das meiste Routine. Aber auch das Bewusstsein wächst: Nirgends ist man so nah an der Politik wie hier in Brüssel. Das was hier entschieden wird, betrifft alle – nicht nur die Bürger des einen oder anderen Landes. Das ist aufregend, spannend. Das ist es, was Brüssel “nah” macht.

Ich halte es immer noch für die größte Herausforderung an die EU-Berichterstattung, die Faszination dieser multinationalen Diskussionen für die Menschen “zuhause” verständlich zu machen – und sie damit anzustecken.

Eigentlich funktioniert das nur, wenn die Korrespondenten mit den Heimatredaktionen zusammen arbeiten. Eine Geschichte ist mir dazu besonders in Erinnerung geblieben: Slowenien und Österreich haben sich darum gestritten, wer das Recht auf den Namen Käsekrainer hat. Sehr emotional! Und natürlich wollten wir in Brüssel darüber berichten, denn dem Streit lag eine EU-Richtlinie zugrunde, nach der bestimmte Bezeichnungen in bestimmten Ländern geschützt waren. So weit so gut: Aber wo sollten wir in Brüssel einen Wiener Würstelstandbesitzer herbekommen? Gott sei Dank hatte ein Kollege noch Käsekrainer eingefroren. Aber wie der Original Wiener Käsekrainerbrutzler den Streit sieht, das haben wir nicht erfahren. Dafür hätten die Kollegen aus Wien recherchieren und drehen müssen, und das war nicht zuletzt technisch nicht möglich. Ihr seht, worauf ich hinaus will? Die Zukunft der EU-Berichterstattung liegt in der Kooperation der Redaktionen. Nur so kann Europäische Politik auf die nationale Eben heruntergebrochen und zugänglich gemacht werden. Aber das wird wohl noch ein paar Jahre dauern.

Foto: Antonia Schanze