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Eugen Freund: “In St. Kanzian am Klopeinersee hat Politik nur einen sehr geringen Stellenwert gehabt.”

Mit seinem Wechsel vom Journalismus in die Politik erregte Eugen Freund Anfang des Jahres viel Aufsehen. Nun gewährte uns der SPÖ-Spitzenkandidat einen Einblick in seine Beweggründe und seine politischen Positionen. Er sprach mit uns über seine Visionen für die EU, seine eigenen Erfahrungen mit QuereinsteigerInnen und warum er glaubt auch die Jugend ansprechen zu können.

Katrin Fallmann: Herr Freund, haben Sie selbst ein politisches Vorbild?

Eugen Freund: Ja absolut, ich bin von Bruno Kreisky sozialisiert worden. In meiner Anfangszeit als Journalist habe ich sehr viel mit ihm zu tun gehabt und hätte mich wahrscheinlich für Politik gar nicht interessiert, wenn es damals nicht diesen Leuchtturm in der österreichischen Innenpolitik gegeben hätte, der weit über Österreich hinaus geleuchtet hat.

Konstantin Kladivko: Warum gehen Sie erst jetzt in die Politik? Hat Sie das vorher nie interessiert?

Eugen Freund: Die Politik hat mich immer interessiert, aber wenn man in einem Unternehmen arbeitet, das einem die Äquidistanz zu den politischen Parteien nicht nur nahe legt, sondern diese auch für den Job voraussetzt, um ihn ordentlich machen zu können, kann man sich nicht gleichzeitig für eine politische Partei engagieren. Ganz ohne die Politik bin ich aber nicht ausgekommen. Ich war ja schon 1978 ein Jahr Pressesekretär beim damaligen Außenminister. Sehr viel von Politik habe ich dann bei den beiden Aufenthalten in den USA mitbekommen. Das erste Mal als ich dort war und die beiden Wahlkämpfe von Ronald Reagan 1980 und 1984 miterlebt habe und das zweite mal natürlich bei den Wahlkämpfen von Bill Clinton.

Konstantin Kladivko: Aber das hat Sie nicht so sehr angesprochen, oder interessiert, als das sie länger in die Politik gehen wollten?

Eugen Freund: Nein, man muss auch dazu sagen, es hat kein Angebot gegeben. Wenn es kein Angebot gibt, kann die Nachfrage noch so groß sein. Außerdem war ich sehr gerne Journalist. Es hat für mich keine Notwendigkeit gegeben, da aus zu steigen.

Katrin Fallmann: Die Presse vom 5. November zitiert Sie mit „Aber nein, ich war nie Parteimitglied und wollte nie mit Parteien zu tun haben.“ Warum jetzt dieser plötzliche Einstieg in die Politik?

Eugen Freund: Obwohl ich die Entlassungsurkunde schon zugestellt bekommen habe, war ich am 5. November noch mitten im ORF. Und daher war für mich klar, dass ich diese Aussage so treffen muss.

Konstantin Kladivko: Als Journalist haben Sie sich über die Jahre von unten ganz nach oben gearbeitet. Wie hätten Sie darauf reagiert, wenn ein Quereinsteiger beispielsweise den runden Tisch zu den US-Wahlen moderiert hätte?

Eugen Freund: Das ist mir auch einige Male passiert und hat mich damals auch geärgert. Aber ich habe auch ganz am Anfang gesagt, dass ich nach der Wahl nicht die Delegationsleitung übernehmen möchte, das maße ich mir nicht an. Das soll jemand machen, der mehr Erfahrung hat, als ich.

Katrin Fallmann: Wenn nicht die Delegationsleitung, wie Sie gesagt haben, was qualifiziert Sie dann als Spitzenkandidaten?

Eugen Freund: Ich glaube nicht, dass das eine das andere notwendigerweise impliziert. Ich glaube, man kann Spitzenkandidat sein, um nicht zuletzt auch die Aufmerksamkeit auf Europa zu lenken. Ich habe Jahrzehnte in der außenpolitischen Berichterstattung gearbeitet, als Kommentator, Analytiker und Reportagenmacher. Also ich glaube, dass ich viele Nachweise dafür geliefert habe, dass ich Expertise in der Außenpolitik habe, aber gleichzeitig auch in der Innenpolitik, weil Europapolitik ist Außen- und Innenpolitik.

Konstantin Kladivko: Sie kandidieren für die SPÖ. Welche inhaltlichen Unterschiede zu anderen Parteien haben Sie bewegt, genau für diese Partei zu kandidieren?

Eugen Freund: Es hat einfach sehr viele inhaltliche Übereinstimmungen mit meinem Gedankengut gegeben. Vor allem in europapolitischen Fragen und im Zusammenhang mit der Krise. Ich war zum Beispiel von Anfang an der Ansicht, dass Sparpolitik alleine nicht zum Ziel führt. Sparen ist zwar wichtig, aber man muss auch investieren, weil sonst eine Situation eintritt, wie wir sie jetzt in Spanien, oder in Griechenland sehen, wo 50 Prozent der Jugendlichen keine Arbeit haben. Wenn man bedenkt, dass zwar sechs Milliarden Euro für die Jugendlichen von der EU bereit gestellt werden, aber ein Vielfaches für die Rettung der Banken, dann sieht man schon, welches Missverhältnis da herrscht.

Katrin Fallmann: Sie selbst waren ja auch lange Zeit im Ausland tätig, auch als Auslandskorrespondent in den USA. Wie stellen Sie sich aus der Sicht eine gemeinsame EU-Außenpolitik vor?

Eugen Freund: Das Hauptproblem ist, dass es in Europa keine gemeinsame Außenpolitik gibt. Henry Kissinger, der damals diese außenpolitische Leuchtfigur in den USA war, hat gesagt: „es gibt noch immer keine Telefonnummer in Europa, ich weiß nicht, wen ich dort anrufen kann.“ Das stimmt immer noch. Eine gemeinsame europäische Außenpolitik ist ganz wichtig um auch mit einer Stimme sprechen zu können.

Katrin Fallmann: Welche konkreten Vorschläge hätten Sie für eine gemeinsame Außenpolitik?

Eugen Freund: Das kommt ganz auf das Thema an. In Syrien müsste sich Europa stärker engagieren um antagonistische Kräfte an einen Tisch zu bringen. Und der Nahe Osten ist an Europa sicher näher, als an Amerika, trotzdem gibt es kaum Initiativen. Es gibt da genug Möglichkeiten und genug Notwendigkeit für Initiativen.

Katrin Fallmann: Sicher auch ein großes außenpolitisches Thema ist die europäische Asylpolitik. Glauben Sie, dass die EU eine Festung ist?

Eugen Freund: Also die EU ist sicher noch keine Festung. Wir haben einen freien Verkehr von Personen, Waren und Dienstleistungen. Das ist in einer Festung nicht so. Die Frage ist aber, ob Europe eine Festung werden soll und diese Frage stellt sich nach der Abstimmung in der Schweiz für viele Bürger mehr denn je. Aber ich bin kein Verfechter der Theorie, dass sich die Situation verbessert, wenn man Leute aussperrt. Ich glaube, man darf die Diskussion nicht den rechtspopulistischen und nationalistischen Parteien überlassen.

Katrin Fallmann: Was kritisieren Sie an der EU?

Eugen Freund: In den letzten Jahren hat sich immer deutlicher gezeigt, dass sich die EU um Dinge kümmert die auf regionaler Ebene, vor Ort oder auch im Nationalstaat viel besser erledigt werden könnten. Ich verweise nur auf das blöde Beispiel mit der Gurkenkrümmung, das ja längst kein Beispiel mehr ist. Ich glaube auch nicht, dass die Menge des Wassers das durch die Toilettenspülung geht, von Brüssel aus vorgeschrieben werden muss. Auf der anderen Seite gibt es keine gemeinsame europäische Energie- oder Klimapolitik. Obwohl jeder weiß, dass die Auswirkungen des Weltklimas nicht vor der österreichischen Staatsgrenze halt machen.

Katrin Fallmann: Diese Problem das Sie angesprochen haben, zwischen regionaler und länderübergreifender Politik, glauben Sie ist das eine strukturelle Schwäche der EU?

Eugen Freund: Vielleicht kann man es strukturelle Schwäche nennen, aber es hat natürlich auch etwas mit den Individualstaaten und mit deren unterschiedlichen kulturellen Identitäten zu tun. Ich will weiterhin nach Italien fahren können, wenn dort die Pizza besser schmeckt als bei uns, obwohl sie eh schon bei uns besser schmeckt. Europa hat so viele regionale Besonderheiten zu bieten und das dürfen wir nicht aufgeben.

Konstantin Kladivko: Sagen Ihnen die Wiener Sänger und Liedermacher „Christoph & Lollo“ was?

Eugen Freund: Nein. Aber das heißt überhaupt nichts wenn mir das nichts sagt, weil man mir schon erklären muss wer die Beatles sind. [lacht] Nein das ist nicht wahr, dieBeatles kenne ich natürlich.

Konstantin Kladivko: „Christoph & Lollo“ haben vor den Nationalratswahlen zu jeder Partei eine sogenannte Wahlkampfhymne aufgenommen. In der von der SPÖ gibt es eine Zeile die lautet: „Wir sind die stärkste der Parteien. Wir sind der ärgste Seniorenverein.“ Die Wahlbeteiligung bei den Jungen ist drastisch niedriger als allgemein. Wie wollen Sie die Jungen bei den kommenden Wahlen ansprechen?

Eugen Freund: Ich glaube, dass ich einen guten Draht zu jungen Menschen habe, was ich nicht zuletzt meiner Tätigkeit als ZiB Moderator verdanke. Außerdem habe ich ein bisschen Humor. Und ich kann komplexe Sachverhalte so erklären, dass sie sowohl die Alten als auch die Jungen verstehen. Das ist besonders für meine jetzige Aufgabe als Spitzenkandidat wichtig.

Katrin Fallmann: Sie haben vorher schon die Jugendarbeitslosigkeit angesprochen und auch auf der Website der SPÖ steht, dass die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit in Europa ein zentraler Punkt sein muss. Was würden Sie anders machen als bisher?

Eugen Freund: Ich glaube, dass einfach die Schwerpunkte anders gesetzt werden müssen. Die letzten 15 Jahre, waren von neoliberaler Politik geprägt. Es gab keine Regulierungen, Banken dürfen machen was sie wollen, sie dürfen mit Hedgefonds spekulieren und können schauen, dass die Aktionäre davon profitieren. Wir, die Sozialdemokraten, wollen auf jeden Fall, dass sich diese Politik ändert. Man muss zwar weiterhin einen Akzent auf sinnvolles Sparen setzen, aber auch dort Geld in die Hand nehmen wo es notwendig ist. Wir plädieren dafür, das erfolgreiche österreichische Modell der Ausbildungsgarantie und der dualen Ausbildung in Europa zu übernehmen. Sie werden sich jetzt wahrscheinlich fragen woher soll das Geld dafür kommen soll, alle sagen es gibt ja kein Geld. Da gibt es eine relativ einfache Lösung – Europa entgehen jährlich 1.000 Mrd. Euro aufgrund von Steuerbetrug.

Konstantin Kladivko: Haben Sie eine Vision von der EU in 20 Jahren, also 2034?

Eugen Freund: Meine Vision bedeutet eine engere Zusammenarbeit und vor allem aber auch ein gerechteres und ein sozialeres Europa. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter, wenige Superreiche werden immer reicher, die Mittelschicht und die Unterschicht leiden darunter. Ich hoffe, dass wir das im Jahr 2034 nicht mehr so erleben werden. Und, dass sich die EU darauf besinnt den Nationalstaaten die Dinge zu überlassen, die sich im eigenen Land besser lösen lassen.

Katrin Fallmann: Ganz abgesehen davon, dass Demokratie im eigenen Land und natürlich auch außenpolitisch wichtig ist: Warum meinen Sie, dass junge Menschen zur Wahl gehen sollen und was glauben Sie, dass unsere Stimme verändern kann?

Eugen Freund: Erstens: Angesichts der vielen Länder in denen es keine freien Wahlen gibt, ist es nicht nur ein demokratisches Recht sondern auch eine demokratische Pflicht sich an den Wahlen zu beteiligen. Und zweitens: Wer nicht zur Wahl geht, lässt andere über sich entscheiden. Dessen müssen sich die jungen Leute im Klaren sein. Ich glaube nicht, dass das eine gute Entscheidung ist.

Konstantin Kladivko: Sind Sie der Meinung, dass sich Jugendliche politisch engagieren sollen?

Eugen Freund: Meine zwei Kinder sind zwar nicht politisch engagiert, leben aber politisch und geistig mit in dieser Welt. Ich glaube nicht, dass sich heute weniger junge Leute politische engagieren als früher.

Konstantin Kladivko: Nein das meine ich jetzt gar nicht. Sondern generell ob Sie es gut finden, dass sich junge Leute politisch engagieren.

Eugen Freund: Na klar, absolut.

Katrin Fallmann: Aber glauben Sie nicht, dass wenn man als Jugendlicher bei einer Partei einsteigt, später immer diesen Stempel mit sich trägt?

Eugen Freund: Erstens ein Mal heißt politisches Engagement nicht unbedingt, dass man Mitglied einer politischen Partei ist. Sich politisch engagieren kann man auch in einer NGO, da gibt es genug andere Möglichkeiten. Auf der anderen Seite muss man sich auch im Klaren sein, dass die Tätigkeit in einer großen politischen Partei mehr Umsetzungsmöglichkeiten bietet als außerhalb.

Konstantin Kladivko: Haben Sie sich als Jugendlicher politische engagiert?

Eugen Freund: Nein, nicht in dem Sinn. Ich bin in St. Kanzian am Klopeinersee aufgewachsen und dort hat die Politik nur einen sehr geringen Stellenwert gehabt. Ich habe aber immer an allen Wahlen teilgenommen.

Konstantin Kladivko: Finden Sie es im Nachhinein schade, dass Sie es damals nicht gemacht haben?

Eugen Freund: Ich finde es deswegen nicht schade weil ich einen Weg gewählt habe, der mir viele Möglichkeiten gegeben hat Politik aufzusaugen, Politiker herauszufordern und zu fragen warum sie bestimmte Entscheidungen so getroffen haben und nicht anders. Ich habe einfach eine andere Rolle eingenommen, die auch eine politische ist aber keine parteipolitische.