EU-Flaggen

Europa.

Ein Kontinent der jahrzehntelang von gescheiterten Nachkriegsordnungen, ideologischen Kriegen, deutsch-französischen Rivalitäten und Wiederaufbauprojekten geprägt war. Diese Geschichte hat die Europäische Union und mit ihr ihre Werte – individuelle Freiheit und kollektive Sicherheit – geschaffen. Ziel der Europäischen Union ist es heute, eben diese Werte, den Frieden und das Wohlergehen ihrer Bevölkerung, zu bewahren.

Schwindende Anerkennung einer Erfolgsgeschichte

Mittlerweile kann man auf eine über fünfzigjährige Erfolgsgeschichte zurückblicken. Aus einem Bündnis zur gemeinsamen Kontrolle der kriegsrelevanten Kohle- und Stahlindustrie entstand ein mächtiges Wirtschaftsbündnis, das sich über die Jahrzehnte zu einer fast alle politischen Bereiche umfassenden Gemeinschaft weiter entwickelt hat. Während der Zustand des friedlichen Zusammenlebens und alle mit der EU einhergehenden Vorteile aber zur Selbstverständlichkeit geworden sind, wird sie für alle Probleme und Herausforderungen verantwortlich gemacht

Die Sehnsucht nach der starken Hand

Vorkommnisse in Russland und Osteuropa lassen derzeit jedoch auch die europakritischsten Stimmen laut aufschreien. Der EU fehlt eine klare Antwort darauf, wie sie mit nationalistischen und anti-demokratischen Tendenzen in ihren Mitgliedsländern, aber auch in anderen Ländern in direkter Nachbarschaft, umgehen soll.

Mit 45 Prozent der Stimmen ging Erdogans Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung auch bei den jüngsten Kommunalwahlen in der Türkei wieder als stärkste politische Kraft hervor. Trotz des harten Vorgehens gegen die Gezi-Proteste. Trotz der Sperre von Twitter und YouTube.

Auch Viktor Orbán und der Regierungspartei Fidesz (Ungarischer Bürgerbund) gelang mit klaren 44 Prozent die Wiederwahl. Trotz Machtzementierung. Trotz Demokratieaushöhlung und Einschränkung der Meinungsfreiheit. Trotzt Hetzjagden auf Minderheiten.

Nach der Besetzung der Krim stimmten 96,6 Prozent bei einem Referendum für den Anschluss an Russland. Damit scheint man sich mittlerweile abgefunden zu haben. Trotz einer völkerrechtswidrigen Abstimmung. Trotz der Aussage seitens der USA, dass die Zeiten, in denen die Weltgemeinschaft zusieht, wie sich ein Land das Gebiet eines anderen Landes gewaltsam einverleibt, vorbei seien.

Eskalationen in der Ostukraine und der Ruf der Bevölkerung nach Putins Hilfe schüren die Angst vor einer Wiederholung dieser Geschichte. Doch wie ist das alles zu erklären? Woher kommt diese Sehnsucht nach der starken Hand? Und kann die Geschichte die Menschen wirklich nur lehren, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt?

Die größtmögliche Klammer für diese nach Orientierung suchenden Menschen scheint die Rückbesinnung auf das Nationale zu sein.  In den Augen vieler Ungarn wurde die EU zu einer Macht, die von außen bestimmen will, was Ungarn sein soll. Orbán ist nun jener Mann, der ihr die Stirn bietet. Die europäischen Werte geraten dabei ins Hintertreffen. Ungarn sucht seine Zukunft in der Vergangenheit. Stolz ist das Wort, das die Nation eint. Und damit befinden sie sich in wachsender Gesellschaft.

Im Herzen sind die EuropäerInnen wieder national

Das Konzept der Europäischen Union als Gegenmodell des Nationalismus scheint gescheitert zu seien. Während das Europagefühl stetig sinkt, suchen große Teile der Bevölkerung ihre emotionale Verankerung verstärkt wieder bei der eigenen Nation. Sowohl in Krisenländern, als auch in Staaten, die der Gemeinschaft traditionell kritisch gegenüberstehen, wie zum Beispiel Großbritannien.

Die Finanz- und Schuldenkrise hat die emotionale Fragmentierung der Gemeinschaft zusätzlich verstärkt. Das Gründungskonzept, den Nationalismus zu überwinden, der den Kontinent mehrfach in blutige Kriege gestürzt hat, wird von einem wachsenden Teil der Bevölkerung nicht mehr mitgetragen. Nicht zuletzt, weil das gemeinsame Europa keinen Identifikationsanker mehr für sie bietet.

Sollten die BürgerInnen der EU das Erbe des alten Kontinents antreten wollen, so muss endlich der Schritt vom Gedanken zum Gefühl gewagt werden. Was es braucht ist eine gemeinsame Vision der „in Vielfalt geeinten“ EuropäerInnen. Beim Erklang des Wortes „Europa“ muss Verbundenheit, Hoffnung und vor allem Stolz mitschwingen.

Wir teilen eine Geschichte, machen wir Europa zu unserer Zukunft.