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Finnland – Jugend abseits von PISA und Schule

Die Schulglocke läutet. Darauf hat Emma bereits sehnsüchtig gewartet. Sie ist 16 Jahre alt und geht in der kleinen finnischen Stadt Porvoo in eine High School. „Ich geh gerne zur Schule, da ich hier mit meinen Freunden zusammenkomme, aber es ist auch schön wenn die Schule endet!“, sie lacht. Nach der Schule zieht Emma mit ihren Freundinnen noch um die Häuser. „Es gibt nicht viel, das wir als Jugendliche machen können. In Bars dürfen wir noch nicht hinein, weil wir noch nicht 18 sind und es gibt kaum Beschäftigungsmöglichkeiten, die nicht eine Menge Geld kosten“, erklärt sie.

“In Finnland kann man Sport nicht einfach nur nebenbei machen”

Doch wie beschäftigen sich finnische Jugendliche dann in ihrer Freizeit? Unter anderem indem sie arbeiten gehen. Doch Arbeit dient nicht nur dem Zeitvertreib und der Taschengeldaufbesserung, wie mir Emma erklärt: „Hier in Finnland ist es nicht ungewöhnlich, dass man in eine Schule geht, die sich nicht in der eigenen Ortschaft oder Stadt befindet. Oftmals befindet sie sich nicht einmal in der Nähe. Deshalb ziehen viele, die alt genug sind [mindestens 16, Anm. des Autors] in eine eigene Wohnung, so wie ich. Meine Eltern zahlen zwar die Miete, aber alles andere muss ich selber zahlen. Aus diesem Grund gehe ich neben der Schule an den Wochenenden arbeiten“. Die eigene Wohnung in Ordnung zu halten ist demnach ebenfalls eine Möglichkeit die Freizeit zu nutzen.

Emma

Emma in ihrer eigenen Wohnung in der Stadt Porvoo im Süden Finnlands. Alleine zu wohnen ist in Finnland auch für 16-Jährige nicht ungewöhnlich.

Natürlich kann man sich aber auch sportlich betätigen, so wie Laura aus Helsinki: „Ich verbringe den Großteil meiner Freizeit damit, zu tanzen. Leider bleibt deshalb nicht so viel Zeit für Freunde“, denn Sport wird in Finnland sehr zeitintensiv betrieben, erklärt sie: „Hier in Finnland kann man Sport nicht einfach nur nebenbei machen. Man muss mehrmals wöchentlich ins Training gehen und das immer für mehrere Stunden. Alles muss mehr oder weniger professionell betrieben werden“. Man sollte sich also gut überlegen, für welche Sportart man die eigene Freizeit opfert. Dazu kommt, dass es kaum staatlich geförderte Einrichtungen gibt und Hobbys daher ausgesprochen teuer sind. So etwas wie beispielsweise die Wiener Bäder existiert in Finnland nicht, auch nicht in Helsinki.

„Viele denken, dass es cool ist viel Alkohol zu trinken”

In Porvoo wird es mittlerweile Nacht und die Jugendlichen des Ortes werden aktiv. Doch am Abend fortgehen ist in Finnland nicht ganz so einfach, erzählt Emma. „In Finnland darf man erst ab 18 in die Bars und Clubs gehen und auch leichter Alkohol ist erst ab 18 Jahren erlaubt, härtere Getränke erst ab 20“, erzählt sie mit Bedauern in der Stimme. Doch wie so oft gibt es einen gravierenden Unterschied zwischen Theorie und Praxis. „In den Clubs und Bars werden die Altersbeschränkungen streng eingehalten, deshalb veranstalten wir Homepartys“, verrät sie mir. „Man bittet einfach jemanden der alt genug ist darum, Alkohol zu kaufen“, antwortet Emma als ich danach frage. Die strengen Jugendschutzbestimmungen scheinen sogar das Gegenteil vom Gewünschten zu bewirken: „Viele denken, dass es cool ist viel Alkohol zu trinken und die meisten kommen bereits mit 12-14 Jahren mit Alkohol in Kontakt und betrinken sich auch oft“, meint Emma.

Die strengen Regeln in Bezug auf Alkohol gehen auf die Abstinenzbewegung im 19. Jahrhundert zurück. Der hohe Alkoholkonsum in der Bevölkerung führte damals zu enormen sozialen Problemen und es entwickelte sich ein breiter gesellschaftlicher Konsens darüber, Alkohol zu verbieten. Bis Mitte der 1950er Jahre war der Zugang zu Alkohol rationiert, allerdings änderte sich in den 50er Jahren die Einstellung der Gesellschaft dem Alkohol gegenüber. Leichte alkoholische Getränke wurden ab 18, harte Getränke ab 20 Jahren freigegeben. Außerdem wird versucht mit hohen Preisen und regelmäßig laufenden Abschreckungskampagnen den Konsum einzuschränken. Diese Maßnahmen zeigen jedoch keine große Wirkung.

„Ein Fernsehspot wird mich nicht davon abhalten Alkohol zu trinken“, meint Emma. Dass aber bereits 12-Jährige trinken hält auch sie für problematisch. „Wir haben vielleicht ein gutes Schulsystem, aber mit Alkohol vernünftig umzugehen müssen wir wohl noch lernen“. Diese Meinung teilen auch viele andere FinnInnen die ich bisher getroffen habe, was sie jedoch nicht davon abzuhalten scheint, auch weiterhin zu viel zu trinken.

Steckbrief:

Finnland ist seit 1995 Mitglied der Europäischen Union. Im Jahr 2002 stellte Finnland die Währung von der Finnischen Mark auf Euro um.

Mitglied der Eurozone: seit 2002

EU-Abgeordnete: 13

Kommissar: Olli Rehn (Wirtschaft und Währung, Euro)

VertreterIn im Europäischen Rat: Jyrki Katainen, Premierminister

Hauptstadt: Helsinki

EinwohnerInnenzahl: 5,4 Millionen

Fläche: 338 432 km2

Bevölkerungsdichte: 15,5 EinwohnerInnen pro km2

Amtssprachen: Finnisch, Schwedisch

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