21

Das Schicksal der Flüchtlinge von Lampedusa

35° 30′ 35″ N, 12° 36′ 0″ E – das sind die Koordinaten Lampedusas, einer kleinen Italienischen Insel im Mittelmeer,die seit Jahren Schauplatz von menschlichen Tragödien und Katastrophen ist. Jährlich steuern tausende Menschen aus dem Nahen Osten und Afrika die Insel an, weil sie in ihr eine letzte Chance sehen ein Tor nach Europa, und damit ein besseres Leben in Sicherheit, zu finden. Ein Vorhaben für das sie ihr Leben riskieren, denn viele der kleinen Schlauchboote verunglücken am Weg nach Europa. Etwa 20.000 Flüchtlinge sollen in den letzten 20 Jahren im Mittelmeer ertrunken sein.

Europa muss „endlich anerkennen, dass es ein Einwanderungsland ist“,

das sagte Martin Schulz, der Präsident des Europäischen Parlaments, gegenüber Spiegel online. Schulz ist mit seiner Meinung natürlich nicht alleine, es gibt aber auch Stimmen im Parlament die der Flüchtlingsfrage kritisch gegenüberstehen. Die Vorfälle im Flüchtlingscamp auf Lampedusa, die im Dezember durch den Italienischen Fernsehsender  RAI aufgedeckt wurden, sind aber auf jeden Fall fragwürdig und sprechen eine eindeutige Sprache. In diesem Video wird gezeigt, wie sich Menschen nackt in die Kälte stellen mussten und mit einer desinfizierenden Flüssigkeit abgespritzt wurden. Die Italienische Regierung meinte dazu, dass es den Verdacht gab, die Flüchtlinge wären mit der Krankheit „Krätze“ verseucht. Die Bürgermeisterin von Lampedusa hingegen sprach von „KZ-ähnlicher“ Behandlung. Ein Politiker der italienischen Sozialdemokratischen Partei ging sogar soweit, in das Flüchtlingslager einzuziehen, um auf die unmenschlichen Umstände aufmerksam zu machen. Nachdem die öffentliche Kritik an den menschenverachtenden Zustände im Lager, das eigentlich für ungefähr 250 Menschen gebaut wurde und in dem zu Spitzenzeiten rund 6.000 Flüchtlinge untergebracht wurden, immer lauter wurde, wurde es in den Weihnachtsferien geschlossen.

Mare Sicuro

Nach den vielen Unglücken der letzten Jahre, bei denen tausende Flüchtlinge auf offenem Meer ihr Leben gelassen haben, reagierte die Italienische Regierung im Oktober mit der Operation „Mare Sicuro“ (auf Deutsch: „Sicheres Meer“). Durch intensivere Patrouillen der Küstenwache im Mittelmeerraum und mit Hilfe zusätzlicher Überwachung aus der Luft sollen Bootsunglücke in Zukunft verhindert werden.

Giulio Piscitelli, www.youthmedia.eu, CC-License(by-nc)

In kleinen überfüllten Booten riskieren die Flüchtlinge ihr Leben um nach Europa zu kommen. (by Giulio Piscitelli, CC by-nc)

Unterstützt wird Italien dabei von Frontex, der EU eigenen Grenzschutzeinheit. Trotz erster Erfolge in der Rettung von Flüchtlingen wird die Operation „Mare Sicuro“ von Menschenrechtsorganisationen, wie beispielsweise Amnesty International, auch skeptisch betrachtet. Sie sehen in dieser Operation eher den Versuch die Europäische Union weiter abzuschotten und somit die „Festung Europa“ noch uneinnehmbarer zu machen, ohne konkrete Maßnahmen zum Schutz der Flüchtlinge zu treffen. Amnesty Italien warf auch die berechtigte Frage auf, in wie fern die beiden Ziele der Operation – Grenzkontrolle und Seenotrettung – miteinander in Einklang zu bringen sind und welchem im Entscheidungsfall tatsächlich die höhere Priorität beigemessen wird. Die Befürchtung, dass Ersteres im Vordergrund steht, ist auch nicht unberechtigt. Berichten zu folge wurden in der Vergangenheit bereits Flüchtlingsboote von der Küstenwache dazu gezwungen umzukehren und nach Afrika zurück zu fahren.

Wie geht es weiter?

Am 26. Jänner, ein Monat nach der Schließung des Lagers auf Lampedusa, hielt Auma Obama im Hamburger Thalia Theater eine Rede. Die Halbschwester des US-Präsidenten widmete ihre Worte den umgekommenen Flüchtlingen. Sie appellierte an ihre ZuhörerInnen und meinte, dass wir „in der globalisierten Welt zu interkulturellen Menschen werden“ müssen. Viele Menschen denken wie Auma Obama. Aber solange es Gesetze gibt, die Asyl nicht als Menschenrecht begreifen und Flüchtlinge, die ein besseres Leben suchen, zum umkehren in den Tod gezwungen werden, werden die Forderungen nach einem offenen Europa wohl ungehört bleiben. Am ersten Februar eröffnete die italienische Caritas gemeinsam mit der Stiftung Migrantes ein neues Aufnahmezentrum auf Lampedusa. Ob sich die Situation für die ankommenden Bootsflüchtlinge dadurch verbessern wird, wird sich aber erst zeigen.

Fotos: Giulio Piscitelli via www.youthmedia.eu, CC-License by-nc