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“Latvia has become supergeil with the support of the EU”

Mit diesem Zitat konnte ich ein tolles Gespräch über Lettland und die EU mit einem waschechten Letten abschließen. Wie es dazu kam und warum ich dem nur zustimmen kann, erfahrt ihr in den kommenden Absätzen.

Erst ein paar Wochen ist es her, dass ich selbst Lettland aus nächster Nähe kennenlernen durfte. Erstaunt hat mich – noch bevor ich in den Flieger gestiegen bin – dass man angeblich schneller in Kiew sei, als in Riga. Egal, ob man jetzt fliegt, fährt oder einfach die Luftlinien-Distanz berechnet, theoretisch ist man tatsächlich schneller in Kiew. Das hat mich ziemlich fasziniert, vor allem aufgrund der hitzigen Diskussionen rund um die Ukraine, das Assoziierungsabkommen und wie europäisch die Ukraine jetzt doch eigentlich wirklich ist.

Nach knapp mehr als einer Woche in Lettland, war ich mir bei einem Thema sicher, nämlich dass Lettland eindeutig europäisch ist. Obwohl ich mir im kleinen und gemütlichen Riga vorkam als ob irgendwie die Zeit stehengeblieben wäre zahlte ich mit Euro-Münzen. Ich zahlte mit frisch geprägten, lettischen Euro-Münzen. Und plötzlich kam mir diese gerade noch doch recht fremde Kultur gar nicht mehr so fremd vor. Außerdem musste ich kein einziges Mal meinen Reisepass herzeigen, oder mich gar um ein Visum oder dergleichen kümmern.

Genau da wurde mir wieder klar, dass ich ja noch immer in der EU bin. Auch wenn ich weit weg von zu Hause, weit weg von der österreichischen Kultur und weit weg von meinem österreichischen Freundeskreis war, waren die Menschen in Riga für mich nie weit weg. Hier tanzt und singt man noch auf den Straßen, eine alte Frau sitzt den ganzen Tag über am Rande des Hauptplatzes und erzählt allen ihre traditionsreichen Geschichten und die zahlreichen Lokale scheinen sowieso nie leer zu sein.

Fasziniert war ich noch immer. Vor allem darüber, dass ich mich eigentlich an der Grenze der Europäischen Union befand. Nämlich in einem EU-Mitgliedsstaat, der nicht nur an Estland und Litauen, sondern eben auch an Weißrussland und das große Russland grenzt. Besonders war auch, dass es überall öffentlich zugängliches WLAN gab, dass dann auch noch um einiges schneller war als ich es von zu Hause kenne. Diese Faszination  war auch der Grund, warum ich schon bald mit dem jungen Letten Austris Cirulnieks ins Gespräch kam, nämlich um zumindest ein bisschen einen Einblick zu bekommen wie der junge Lette zur EU steht und was sie an seinem Lettland verändert hat.

Denn seit Anfang des Jahres sind die Letten stolz auf ihre eigenen Euro-Münzen. Sind sie das? Austris meint ganz eindeutig ja. Obwohl ‘ihre Lats’ eindeutig schöner seien und zusätzlich einen gewissen persönlichen Wert für ihn haben würden, sei er froh, dass ein weiterer Schritt in die richtige Richtung gemacht wurde. Bezüglich der EU-Erweiterung, die ja 2004 auch Lettland erreichte und somit endgültig zum Teil der EU machte, sind seiner Meinung nach sowohl die Ukraine, als auch Weißrussland europäisch und könnten eines Tages Teil der Europäischen Union sein. Die Grenzen, wie sie heute sind, seinen dennoch gut, allerdings sehe er schon noch Potential. Russland passe im Moment einfach nicht dazu. Die Traumblase, in der sich das Land befinde, sei einfach noch zu groß und zu sehr geprägt von Medien und regierungsseitiger Propaganda.

Besonders spannend wurde es, als Austris über seine russischen Freundinnen und Freunde zu erzählen begann. Einige von ihnen wären nämlich viel lieber Teil der russischen Föderation. Erstaunlich, weil Lettland ja erst 1991 unabhängig von der Sowjetunion wurde. Allerdings sei der Großteil mittlerweile schon vom Konzept der EU überzeugt worden und profitiere auch schon von neu geschaffenen Studienmöglichkeiten, Jobs und Projekten.

Ob sich Austris jetzt selbst eher europäisch oder lettisch fühlt, ließ er unbeantwortet, denn er würde ja sowieso in beiden Booten sitzen, im Moment etwas mehr im europäischen. So ist es noch nicht lange her, dass er selbst eine durch und durch europäische Parodie von Friedrich Liechtensteins ‘Supergeil’-Werbespot, zusammen mit Jugendlichen aus ganz Europa drehte.

Austris Supergeil

Auf meine Frage hin, ob er ohne die EU jemals dazu gekommen wäre, meinte er, dass er nie auch nur die Möglichkeit dazu gehabt hätte. Vor allem aber hätte er nie die wundervollen Leute kennengelernt, mit denen dies möglich gewesen wäre, denn eines haben sie alle gemeinsam: Sie finden die EU “supergeil”.

Steckbrief

Seit der EU-Erweiterung am 1. Mai 2004 ist Lettland Mitglied der Europäischen Union. Ab dem 1. Jänner 2014 wird die dortige Landeswährung auf den Euro umgestellt. Eine beachtliche Entwicklung, wenn man bedenkt, dass der Staat an der baltischen Küste erst 1991 unabhängig von der Sowjetunion wurde.

Mitglied der Eurozoneab 1. Jänner 2014

EU-Abgeordnete9

KommissarAndris Piebalgs (Entwicklung)

VertreterIn im Europäischen Rat: Valdis Dombrovskis, Ministerpräsident

Hauptstadt: Riga

EinwohnerInnenzahl: 2.027.000

Fläche: 64.589 km²

Bevölkerungsdichte: 35 EinwohnerInnen pro km²

Amtssprache: Lettisch

Regionale Amtssprachen: keine, trotz großer russischsprachiger Bevölkerungsgruppen (Lettland ist nicht Vertragspartner  der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen)

Foto by Kai Doering (cc by)