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Litauen

Eine ausgedehnte Seenlandschaft, weite Ebenen, durch die sich schmale Schotterstraßen schlingen und der schöne, duftende Mischwald, in dem Eva so gerne spazieren geht, kennzeichnen die Landschaft um Anyksčiai. Das ist eine kleinere Stadt mit ca. 32.500 EinwohnerInnen, die ungefähr 100 Kilometer im Norden von der Hauptstadt Vilnius liegt. Dort leben auch Evas Verwandte. Sie selbst wohnt in Österreich, verbringt aber jeden Sommer in der kleinen litauischen Stadt.

Den Fluss Šventoji, der mitten durch die Stadt fließt, liebt sie ganz besonders, weil man dort im Sommer schwimmen gehen kann. Außerdem ist er ein beliebter Treffpunkt für Jugendliche, die dort oft bis spät in der Nacht zusammensitzen. Denn der Jugendschutz ist strenger als bei uns, die meisten Lokale sind erst ab 21 zugänglich und Alkohol unter 18 ist verboten. „Durch ältere FreundInnen ist es aber eigentlich kein Problem, trotzdem Alkohol zu bekommen. Außerdem sind die Kontrollen nicht so streng und solange es sich in Maßen hält, finde ich es nicht so schlimm, wenn Jüngere schon Alkohol trinken“, erklärt Eva.

landschaft

Sie erzählt, dass sich viele junge LitauerInnen, was Kleidung und Lieblingsfilme betrifft stark an den USA orientieren und davon träumen, später dorthin auszuwandern. In Litauen sehen sie für sich keine Zukunft, weil sie schlechte Aussichten auf einen gut bezahlten Job haben. Der Durchschnittslohn in Litauen liegt bei umgerechnet ca. 600 Euro (Stand 2011). Die Jugendarbeitslosigkeit liegt in Litauen zurzeit bei 22,9 Prozent. „Das ist ein großes Problem“, beschreibt Eva. „Litauen verliert sehr viele junge Menschen mit einer guten Ausbildung und hohen Qualifikationen.“

Auswanderung und Leben in Communities

Bereits im 18. und 19. Jahrhundert war die Emigrationsrate in Litauen hoch. Ein hoher Prozentsatz wanderte damals in die Vereinigten Staaten aus, weil die Menschen glaubten, dort bei besseren Arbeitsbedingungen mehr verdienen zu können. Während der Besatzung durch die Sowjetunion, die die Reisefreiheit der Menschen beschränkte, ließ der Auswanderungsstrom jedoch stark nach. Eva erzählt weiter, dass viele Jugendliche am liebsten in die USA gehen würden, sich in Wirklichkeit aber oft für Mitgliedsstaaten der EU entscheiden, weil die Einwanderung dorthin einfacher ist. Besonders Norwegen, Irland und Großbritannien sind beliebte Ziele.

„Dort gibt es ziemlich viele litauische Communities“, beschreibt Eva, die ein Auslandssemester in England gemacht hat und dort zu ihrem Erstaunen auch einige LitauerInnen kennengelernt hat. Sie findet es aber problematisch, dass diese Gruppen häufig eher unter sich bleiben und  sich von der restlichen Gesellschaft isolieren. Ihre Erfahrungen zeigen, dass innerhalb dieser Communities oft ein starker Nationalstolz vorherrscht und sich viele LitauerInnen in ihr Land zurücksehnen.

“Unser kleines Land hat es geschafft!”

Dieser Nationalstolz vor allem bei älteren, aber auch bei manchen jüngeren Menschen, ist historisch begründet. Litauen stand oft zwischen den Fronten und war heiß umkämpft. Erst am 11. März 1990 wurde die Unabhängigkeitserklärung Litauens von der Sowjetunion unterzeichnet. Diese 45-jährige Besatzung ist für manche noch heute ein Trauma. Die meisten LitauerInnen sind stolz darauf, dass es ihr „kleines Land geschafft hat, sich zu befreien“ und die Sprache und Traditionen über die Jahrhunderte hinweg zu erhalten.

Was Eva an Litauen ganz besonders stört, ist die öffentliche Meinung zum Thema Homosexualität. Im Juli fand in Vilnius zum Beispiel die “Baltic Pride Parade” statt, eine Demonstration, an der etwa 800 Personen teilnahmen. Im Vorfeld war vom Nachrichtenportal Delfi eine Umfrage veröffentlicht worden. Laut diesen Daten sprachen sich 62 Prozent der Befragten gegen die Durchführung der Parade und nur 15 Prozent dafür aus. Einige PolitikerInnen versuchten, die Kundgebung zu verhindern, aber das Höchstgericht entschied schließlich, dass sie stattfinden müsse.
Die Demonstration fand unter einem großen Aufgebot von PolizistInnen statt. Trotzdem schafften es GegendemonstrantInnen, die TeilnehmerInnen mit Eiern und Flaschen zu bewerfen. Dennoch denkt Eva aber, dass sich die Situation bereits stark verbessert hat. “Zur Studienzeit meiner Mutter beispielsweise war Homosexualität ein Tabuthema, heutzutage reden die Menschen darüber und vor allem die Jungen sind meistens offener.”

Für die Zukunft wünscht sie sich, dass sich die Situation für die Menschen in Litauen weiter verbessert. “In den letzten zwanzig Jahren ist meiner Meinung nach schon viel passiert. Und ich habe große Hoffnung, dass sich die Lage weiter verbessert”, sagt sie abschließend.

 

Steckbrief:

Litauen ist seit 1. Mai 2004 Mitgliedsstaat der Europäischen Union. Die LitauerInnen entschieden sich in einem Volksentscheid im Mai 2003 mit über 90 % Zustimmung für die EU.

Mitglied der Eurozone: Nein. Die Europäische Kommission verweigerte Litauen aufgrund der hohen Inflation 2006 den Beitritt zur Eurozone.

EU-Abgeordnete: 12

Kommissar: Algirdas Šemeta (Steuern, Zoll, Statistik, Audit und Betrugsbekämpfung)

Vertreterin im Europäischen Rat: Dalia Grybauskaitė, litauische Staatspräsidentin

Litauische EU-RatspräsidentInnenschaft: Vom 1. Juli bis 31. Dezember 2013 übernimmt Litauen den Vorsitz im Rat der EU.

Hauptstadt: Vilnius

EinwohnerInnenzahl: ca. 3 Millionen

Fläche: 65.300 km²

Bevölkerungsdichte: 46 EinwohnerInnen pro km²

Amtssprache: Litauisch

Autochthone Minderheiten: RusInnen, PolInnen, WeißrussInnen, UkrainerInnen, JüdInnen, Deutsche, TatarInnen, Roma, LettInnen