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Kinderheim(at)-Rumänien

Die 17-jährige Beatrice A. besuchte diesen Sommer als eine von vier Jugendlichen im Rahmen des Projekts „72 Stunden ohne Kompromiss“ ein Kinderheim im rumänischen Ort Wetschehaus.

„Wir haben uns viel mit den Kindern beschäftigt und auch Spenden, die in Österreich gesammelt wurden, mitgebracht. Natürlich geht es ihnen nicht so gut wie bei uns und einige Zustände waren auch erschütternd, aber mit der Unterstützung aus anderen Ländern hat sich viel verbessert. Allerdings sind uns auch Dinge aufgefallen, die uns gestört haben”, erzählt Beatrice.  „Wir haben zum Beispiel anderes Essen bekommen oder durften in dem neu erbauten Haus schlafen, das die Kinder noch nicht betreten durften weil staatliche Genehmigungen fehlten. Was mich persönlich berührt hat war wie uns einige von ihnen erzählt haben, dass ihnen von Lehrern in den öffentlichen Schulen oder von den Einwohnern oft Vorurteile entgegengebracht werden.“

Wieso sind so viele Kinder auf Institutionen wie in Wetschehaus angewiesen?

Bereits im Jahre 1990 ging der Skandal rund um das Kinderheim in Cighid um die Welt. Die dort unter grausamsten Bedingungen lebenden und Großteils schwer behinderten Kinder, waren unter anderem das Ergebnis eines jahrelangen erzwungenen Bevölkerungswachstums. Unter dem Diktator Nicolae Ceaușescu wurden Abtreibung und Verhütungsmaßnahmen sowie Aufklärung über Verhütungsmethoden im Schulunterricht bei Strafe verboten. Die teils verarmte Bevölkerung schob die unerwünschten Nachkommen in staatliche Heime ab oder versuchte sich durch private Abtreibungen von der finanziellen Belastung zu befreien. Schlechte medizinischen Versorgung und Mangelernährung führten außerdem zu häufigeren Frühgeburten und einer höheren Anzahl von Kindern mit Behinderung, die in Institutionen wie Cighid gebracht wurden. Der große Druck durch die Medien sowie finanzielle Unterstützung aus dem Ausland trug dazu bei, dass sehr schnell positive Veränderungen in den Heimen erwirkt wurden.

Aber auch heute noch können viele rumänische Kinder nicht bei ihren Familien leben. Der Grund dafür ist unter anderem die Armut der Eltern. Viele Jobs sind schlecht bezahlt und die Zahl der Leute ohne Arbeitspatz ist hoch (ca. 11, 3 Prozent), die verdeckte Arbeitslosigkeit wird noch höher angesetzt. Geschätzte 40 Prozent aller Erwerbstätigen sind in der Landwirtschaft beschäftigt. Für die Ernährung und Ausbildung der Kinder fehlt oft das Geld.

Auch sollen laut UNICEF Romania 73 Prozent (Stand 2006) der rumänischen Eltern Ihre Kinder misshandeln. Auch in diesen Missbrauchsfällen werden inzwischen Anlaufstellen angeboten und bei Bedarf Heimplätze zu Verfügung gestellt. Aber leider droht auch außerhalb der Familien  Gewalt und sexueller Missbrauch in Rumänien ist auch der Menschenhandel, vorwiegend mit Minderjährigen, ein großes Problem. Laut der Hilfsorganisation „Save the children“ werden jährlich rund 140.000 rumänische Mädchen und Jungen Opfer des Menschenhandels. Sie werden in andere Staaten der EU verkauft und dort in Bordellen oder als private HausklavInnen gehalten.

Auch ist eine Ausbildung in Rumänien noch nicht für alle selbstverständlich. Obwohl in Rumänien die 9-jährige Schulpflicht gilt, müssen laut der Organisation „Save the children“ rund 70.000 Kinder arbeiten, vorwiegend um ihren Familien finanziell zu unterstützen. Auch auf europa.eu wird berichtet, dass viele Kinder keinen Platz in einer Betreuungseinrichtung bekommen. Das führt unter anderem dazu, dass die Kinder den Großteil des Tages ohne Beaufsichtigung sind und deswegen entweder von älteren Geschwistern, die aus diesem Grund den Schulbesuch vernachlässigen, betreut werden, oder Ihre Zeit in kleinen ungeheizten Wohnungen und oft auch auf der Straße verbringen.

Was hat sich seit 1990 verändert? Wer hat geholfen?

1990 wurde die Organisation „Salvati Copiii“ (Save the children) ins Leben gerufen, die sich in Rumänien für die Durchsetzung der Kinderrechte einsetzt und eine Anlaufstelle für Jugendliche in Not bietet. Im folgenden Jahr gründete der Österreicher Pater Sporschill die Hilfsorganisation „Concordia“, die sich heimatlosen Kindern annahm. Auch die Caritas Österreich verwirklichte einige Projekt in Rumänien. Innerhalb der EU setzte sich vor allem die Engländerin Emma Nicholson, die von 1991 bis 2009 Mitglied der europäischen Kommission war, für die Bekanntmachung dieser Probleme in der Kinder- und Jugendwohlfahrt ein. Wie aus dem Bericht der EU-Kommission, über die Fortschritte Rumäniens auf dem Weg zum EU-Beitritt aus dem Jahre 2001 hervorgeht, wurde eine Kommission für Armutsbekämpfung und soziale Eingliederung eingeführt und ein Gesetz zur Einführung eines Mindestlohnes erlassen. Dieses regelt unter anderem auch die Unterstützungen für Heizkosten oder Geburtenzulagen. Obwohl sich auch die Lage der Kinder in Rumänien um einiges verbessert hat, bleiben die Zahlen vernichtend.  Immer noch lebt rund ein Viertel der Bevölkerung unter der Armutsgrenze.

Für die rumänischen Kinder haben sich die Bedingungen in den Kinderheimen in jedem Fall um einiges gebessert, selbst wenn manches noch verbesserungswürdig ist. Für die Zukunft bleibt zu hoffen, dass die meisten Einrichtungen in den kommenden Jahren überflüssig werden und wieder mehr Kinder bei ihren Familien leben können.

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Steckbrief

Rumänien ist 2007, zeitgleich  mit Bulgarien, der EU beigetreten.

Mitglied der EurozoneNein;  Währung: rumänische Leu

EU-Abgeordnete33

KommissarDacian Cioloş (Landwirtschaft und ländliche Entwicklung)

Vertreterin im Europäischen RatVictor Ponta, Ministerpräsident

Hauptstadt: Bukarest

EinwohnerInnenzahl: 21,33 Millionen

Fläche: 237.500 km²

Bevölkerungsdichte: 21,5 Millionen EinwohnerInnen pro km²

Amtssprache: Rumänisch

Regionale Amtssprache(n): Ungarisch, in Gebieten in denen mehr als 20% der Bevölkerung eine Minderheitssprache sprechen ist diese offizielle Zweitsprache

Autochthone Minderheiten: UngarInnen (6,5 Prozent) und Roma (3,3 Prozent) sind die beiden größten Minderheitengruppen. Weitere Minderheiten: UkrainerInnen, Deutsche, Russisch-LipowanerInnen, TürkInnen,TatarInnen, SerbInnen, SlowakInnen,TschechInnen (jeweils zwischen 0,1 und 0,3 Prozent) Bei Parlamentswahlen werden für insgesamt 18 Minderheiten unabhängig von den abgegebenen Stimmen jeweils ein Sitz in der Abgeordnetenkammer ausgewiesen.