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“Schafft Europa!” – Interview mit Max Wratschgo

Max Wratschgo kann zu Recht als Europa-Pionier bezeichnet werden und gehört mit seinen 77 Jahren noch lange nicht zum alten Eisen. Schon seit seiner Jugend ist der Vorsitzende des Europahauses Neumarkt glühender Europäer. Schon im Jahr 1967 setzte sich Max Wratschgo dafür ein, dass alle EuropäerInnen ohne Grenzkontrollen reisen dürfen, 1974 wurde er zum Bundesobmann der Europäischen Föderalistischen Bewegung (EFB) in Österreich gewählt. Eine Funktion die er bis 2008 ausübte.

Ich habe Max Wratschgo vor kurzem zum persönlichen Interview getroffen und mit ihm über seine Beweggründe für sein Europa-Engagement, seine weiteren persönlichen Ziele und seine Perspektiven für die EU, insbesondere in Hinblick auf die bevorstehenden Europawahlen 2014, gesprochen.

Herr Wratschgo, wenn wir von der Zukunft der Europäischen Union sprechen kommen wir an der Vergangenheit nicht vorbei. Was genau hat Sie dazu bewegt, sich für Europa einzusetzen? 

Ich habe mich bereits in meiner Jugend für Europa starkgemacht. Ich bin nun 77. 1955, also im Alter von 16 Jahren, habe ich den Landesverband der Europäischen Jugend gegründet. 1959 haben wir dann die ersten österreichischen Europawahlen in Feldbach organisiert. Außerdem forderten wir den Zusammenschluss aller europäischen Länder, einschließlich der damaligen Ostblock-Staaten. 3.693 Personen beteiligten sich an der Wahl, 3.583 stimmten für ein gemeinsames Europa. 1974 wurde ich zum Bundesobmann der Europäischen Föderalistischen Bewegung gewählt – der absolute Höhepunkt meiner Karriere, die ich allein deshalb gemacht habe, weil der europäische Gedanke schon immer in mir verankert war.

Völkerrecht ist Menschenrecht. Wie sieht es damit in Österreich aus?

Ich bin sehr froh, dass in Kärnten die Ortstafelfrage zufriedenstellend gelöst werden konnte. Damit sind wir dem Volksgruppenrecht einen wichtigen Schritt nähergekommen. Das bedeutet natürlich nicht, dass es in Kärnten nicht noch offene Fragen geben würde und noch offene Wunden bestehen; etwa die Vertreibungen der deutschen Altösterreicher aus Slowenien, aus der Untersteiermark und der Gottschee.

Was kann das Europahaus Neumarkt zur Verwirklichung des Volksgruppenrechtes beitragen? 

Das geschieht bei den jährlichen Minderheitenseminaren. Wir haben hervorragende Referenten und interessierte Teilnehmer aus Italien, Slowenien, Rumänien, Bulgarien und Ungarn sowie aus der Slowakei. Auch die Berglanddeutschen sind vertreten.

Warum treten die Föderalisten nicht massiver für die Anerkennung der Deutsch-Altösterreicher in Slowenien ein? 

Wir fordern es immer wieder, aber die Situation dort ist unüberschaubar und die slowenischen Medien berichten nur wenig darüber. Für Slowenien ist die Anerkennungsfrage eben kein heißes Eisen.

Ich war in Polen auf Projektwoche und habe dort den Leuten die Frage gestellt, warum habt ihr den Euro nicht. Sie haben gesagt: “Ja, die Leute wollen ihn nicht.” Kroatien ist seit Juli bei der EU dabei und auch dort sagen die Einheimischen: “Wir brauchen den Euro nicht. Die TouristInnen können ja eh mit Euro zahlen, aber wir brauchen ihn nicht.” Warum glauben Sie, wollen die nicht in die Euro-Zone? 

Das kann man leider nicht beweisen. Es werden ja auch in Österreich Gerüchte geschürt, sodass manche glauben, uns ginge es mit dem Schilling besser. Vieles wie die Währung ist auch Gewohnheitssache. Heute noch rechnet die ältere Generation von Euro auf Schilling um. Ähnlich ist die Situation in Kroatien. Die Leute sagen sich: “Uns geht´s ja eh gut, warum sollen wir also die Währung wechseln?”

Wo es bezüglich EU-Beitritt noch Probleme gibt, ist die Türkei. Wenn man den europäischen und den asiatischen Teil vergleicht, sieht man deutliche Unterschiede, z. B. zwischen Istanbul und Ankara. 

Richtig. Im europäischen Teil findet sich die europäisch, modern denkende Bevölkerung, während im asiatischen Teil noch ältere Weltbilder vorherrschen, in denen Europa eine hintere Rolle einnimmt. Sobald sich das geändert hat, sprich die Türkei reif für den EU-Beitritt ist, bin ich sicher, wird auch nichts dagegen sprechen. “Die Politik ist schlecht, aber ohne Politik geht´s auch nicht”, hat einmal ein älterer Herr gesagt.

Am 25. Mai 2014 findet die EU-Wahl statt. Bisher war die Wahlbeteiligung  immer sehr gering. Wie kann man das ändern? 

Die Wahlbeteiligung kann man erhöhen, indem man die Leute überzeugt. Die Frage ist auch, wie die Massenmedien über die Wahl berichten, was die Kronen Zeitung anstellt oder nicht anstellt, wie viele Spitzenkandidaten sich aufstellen und welches Wahlprogramm Strache verfolgt. Die Wahlbeteiligung sinkt ja überall und viele Leute können sich auch unter der EU-Wahl nichts vorstellen, im Gegensatz zu einer Gemeinderats- oder Landtagswahl. Unter einer Europawahl kann sich der normale Bauer einfach nichts vorstellen, obwohl der EU-Abgeordnete nichts dafür kann. Ich glaube nicht, dass die Wahlbeteiligung bei dieser Wahl steigen wird, zumal wir nur bei der ersten Europawahl über 50 Prozent Wahlbeteiligung hatten.

Es ist schwierig, aber wenn Sie das Ergebnis der EU-Wahl prognostizieren müssten, was würden Sie sagen? 

Es kann durchaus sein, dass die FPÖ – wie gerüchteweise durch die Medien kommuniziert wird – den 1. Platz einnimmt. Aber letztendlich entscheidet immer die Wahl – denn wer hätte sich gedacht, dass die FPÖ bei der Nationalratswahl in der Steiermark Erster wird? Irgendwie ist alles möglich, ich traue der FPÖ durchaus ein gutes Ergebnis zu, ob es allerdings für die Spitze reicht, ist und bleibt bis zum Wahltag fraglich.

Letzte Frage – jetzt dürfen Sie sich gedanklich austoben: Wo sehen Sie die EU in 30 Jahren? 

Voraussagen kann ich nichts, aber meine Hoffnung ist, dass sie sich mehr vertieft. Ich glaube nicht, dass wir in 30 Jahren schon den europäischen Bundesstaat haben, den wir ja anstreben, den letzten Schritt der Vertiefung. Und ohne Bundesstaat kann nichts funktionieren, schon richtig, weil da doch die Meinungen und Gegebenheiten zu verschieden sind in Europa. Etwas Wesentliches ist, dass man stets etwas Optimismus bewahren muss. Mich haben sie alle schief angeschaut, als ich den Euro gefordert habe. Das war mein Handicap in meiner Jugend. Aber ich habe mein Ziel erreicht und jetzt liegt es an der EU, an Europa, gemeinsam das große Ziel, den europäischen Bundesstaat, zu erreichen. Vielleicht ja in 50 Jahren…