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Tschechien – Ein Land zwischen Tradition und politischen Konflikten

Nach Ende des zweiten Weltkrieges mussten viele Sudetendeutsche die damalige Tschechoslowakei von einem Tag auf den anderen verlassen und verloren dabei oft ihr ganzes Hab und Gut. Einer von diesen Menschen war Herr Schweng. Er war zu diesem Zeitpunkt zwei Jahre alt und seine Eltern hatten nahe der österreichischen Grenze einen Bauernhof, von dem sie gut leben konnten. Nach der abrupten Flucht kamen sie vorläufig im „Flüchtlingslager“ einer Grenzstadt unter und fanden dann, wie viele dieser Flüchtlinge, Arbeit und ein Dach über dem Kopf bei einem Großgrundbesitzer im Weinviertel.

Benes Dekrete – was ist das eigentlich?

Die Benes Dekrete waren die Grundlage für die Vertreibung und Enteignung der Sudetendeutschen aus der damaligen CSR (Tschechoslowakischen Republik). Sie wurden nach dem 2. Weltkrieg vom Staatspräsidenten Edvard Benes erlassen und beinhalten die Anordnung das Land von den Sudetendeutschen zu „säubern“. Tschechien trägt allerdings nicht alleine die Schuld für die Vertreibung. Denn auch die Alliierten stimmten den Plänen zu und sind damit mitverantwortlich für die mit – mit Abstand größte – Vertreibung nach dem zweiten Weltkrieg. Etwa drei Millionen Menschen wurden damals vertrieben und es gab unzählige Todesopfer, von welchen die Zahl bis heute nicht bekannt ist. Die Rede ist von 20.000 bis 30.000 Menschen, manche Quellen vermuten sogar Opferzahlen jenseits der 200.000 Menschen.

Bereut die Regierung eine solche Massenabschiebung?

Tschechien hat sich bis heute nie offiziell für die Vertreibung der Sudetendeutschen entschuldigt. Auch Vaclav Havel, der zumindest kritische Worte fand, blieb in seinen zwei Amtszeiten als Staatspräsident eine Entschuldigung schuldig. „Mit einer Entschuldigung ist das eine komplizierte Sache. […] So, als ob wir uns mit einem ‚Tut leid‘ plötzlich aus der historischen Verantwortung davon stehlen könnten.“ Meinte er 2009 in einem Interview mit der standard.at.

Im Vorfeld der letzten Präsidentschaftsstichwahl 2013 gewann der Konflikt erneut tagespolitische Bedeutung. Der liberal-konservative Karl Schwarzenberg bezeichnete die Dekrete in einer Wahldiskussion mit seinem Rivalen Zeman als eine schwere Menschenrechtsverletzung, mit welcher die Regierung heute ohne weiteres in vor dem Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte in Den Haag landen würde. Zeman warf seinem Gegner daraufhin vor, wie ein Sudetak (in Tschechien ein abwertender Begriff für Sudetendeutsche) zu reden und zu handeln. Weder Karl Schwarzenberg noch Milos Zeman sprachen das Thema der Benes Dekrete bis zur Wahl, die Zeman letzten Endes mit über 10 Prozent Vorsprung gewann, noch einmal an.

Jugend und Politik: Geht das?

Eva Bajková, eine tschechische Schülerin verfolgte das Wahlgeschehen, konnte aber nicht mitbestimmen, denn wählen darf man unserem Nachbarland erst mit 18 Jahren. Zu meiner Frage, wen sie gewählt hätte hielt sie sich eher bedeckt. Sie interessiert sich nicht besonders für Politik und auch in der Schule wird wenig informiert. Politikunterricht gibt es nicht, über die Dekrete hat Eva aber schon gelernt. Aus ihrer Sicht war es gerechtfertigt, beziehungsweise Notwendig, einmal „aufzuräumen“. Die Tatsache, dass die Sudetendeutschen gehen mussten, sieht Eva weniger das Problem. Was aus ihrer Sicht besser gemacht werden hätte müssen, war die Durchführung. „Die Regierung nahm sich einfach das Recht, die Menschen quasi in Besitz zu nehmen und unter schlimmen Umständen zu vertreiben“, meinte sie dazu. Auch Eva’s Freundin, die Politik studiert, ist derselben Meinung, wie auch die Mehrheit der Bevölkerung. Aber so wie immer, gibt es auch viele, die anders denken.

Schwarzenberg als Menschenrechtsminister

Im Streitpunkt um die Benes Dekrete sprach sich Zeman eindeutig für die Richtigkeit des Geschehens aus und Schwarzenberg sah die Dekrete als Menschenrechtsverletzung. Als Außenminister wird Schwarzenberg oft vorgeworfen, dass er sein Amt missbrauche beziehungsweise, sein Amt auf „das Amt für Menschenrechte“ umlege. Vermutlich kommt von seinem Hang zur Gerechtigkeit unter uns Menschen auch seine Aussage und die dazugehörige Meinung zu den Dekreten.

Insgesamt empfanden sogar 40 Prozent der Bevölkerung als Gerecht. Nur 9 Prozent würden eine Entschuldigung der Regierung befürworten. Die restlichen 36 Prozent der Tschechen haben angeblich keine Meinung zum Beibehalt. Für die 9 Prozent, de sich für eine Entschuldigung bei den Opfern aussprachen, wäre eine Entschuldigung nicht genug, sie würden auch eine Entschädigung beziehungsweise die Rückgabe fordern.

Wie die Opfer heute leben

Herr Schweng ist heute 74 Jahre alt und lebt mit seiner Frau im selben Ort, an dem er mit seiner Familie damals ein neues zu Hause fand. An diese Zeit erinnert er sich zwar nicht gerne zurück, es ist ihm allerdings wichtig, auch der Jugend weiterzugeben was sich und vor allem wie es sich damals abgespielt hat. Vielen Menschen, die zu dieser Zeit junge Kinder oder Teenager waren, versuchen an die nächsten Generationen zu appellieren und ihnen Informationen weiterzugeben, doch selbst die tschechische Regierung lässt dies nur schwer zu. “Denn das würde ja heißen, die Restitutionsgrenze zu durchbrechen und vor den Februar 1948 zurückzugehen”, mit diesen Worten äußerte sich der ehemalige Chef der Konservativen Partei (2002) Jiri Payne. Damit will er sagen, dass die Rückgabe der Vermögensgüter der Vertriebenen nicht so einfach ist, denn dann müsste diese Regelung ja wieder für alle gelten und nicht nur für die tschechischen Deutschen.

 

Steckbrief

Nachdem sich die tschechische Bevölkerung bei der Volksabstimmung im Juni 2003 klar zu einem “Ja zum EU Beitritt” äußerte, stand diesem am 1. Mai 2004 nichts mehr im Weg.

Mitglied der Eurozone: Nein

Währung: Tschechische Krone (Kč)

EU-Abgeordnete: 22

Kommissar: Štefan Füle (Erweiterung und Europäische Nachbarschaftspolitik)

Vertreter im Europäischer Rat: Jiri Rusnok, Regierungspräsident

Hauptstadt: Prag

EinwohnerInnenzahl: 10,5 Millionen

Fläche: 78.866 km²

Bevölkerungsdichte: 130 EinwohnerInnen pro km²

Amtssprache: Tschechisch

Regionale Amtssprachen: Deutsch, Polnisch, Slowakisch, Romani

Autochthone Minderheiten: Deutsche, SlowakInnen, Polen, UngarInnen

Foto by Liv Stephan (cc by-nc-nd)