PolenSommer2013

Warschau: „Berlin des Ostens“ im „China Europas”

Warschau – eine Stadt die ihre Identität zwischen Ost und West noch nicht ganz gefunden hat, beginnt sich neu zu erfinden. Im Stadtteil Praga eröffnen angesagte Lokale und Kunstgalerien.

Kaum eine europäische Stadt hat unter dem Zweiten Weltkrieg so gelitten wie Warschau. Achtzig Prozent der Stadt wurden vollkommen zerstört.  Wie ein Phönix ist die Stadt an der Weichsel aus Schutt und Staub gestiegen. In atemberaubender Zeit hat sich die Metropole praktisch neu erfunden. Wo einst das zweitgrößte jüdische Ghetto Europas lag, spiegeln sich heute verglaste Wolkenkratzer ineinander. An nahezu jeder Ecke findet man Konsumtempel als Wahrzeichen des Kapitalismus. Nicht umsonst zählt die Warschauer Börse zu den am schnellsten wachsenden Börsen in Europa. Ludwik Sobolewski, CEO der Börse Warschau, bezeichnet den Finanzmarkt Polens gar als „China Europas“. Nicht nur die Wirtschaft floriert, in vielen Seitenstraßen findet man kleine Cafés und Lokale.

Auch wenn es der Metropole teilweise noch an der nötigen Infrastruktur fehlt – die Busse und Straßenbahnen sind in den Stoßzeiten hilflos überfüllt – ist die Stadt jung, modern und dynamisch. Nie zuvor gab es so viel Freiraum für Künstler und Kreative, jede Ecke befindet sich im Aufbruch.  Kein Wunder, dass die Stadt deswegen oft mit Berlin verglichen wird, wenn nicht sogar als „Berlin des Ostens“ bezeichnet wird.

Schlendert man durch die Stadt  ist nicht zu übersehen, dass die Pointen und Polen ein sehr gläubiges Volk sind. Gerne stellen sie die enge Religionsverbundenheit zur Schau. So gibt es neben den vielen Kirchen zum Beispiel eine „Aleja Jana Pawła II“ (Anm. Johannes Paul II Straße) oder man findet unzählige Tafeln, die darauf hinweisen wo der bisher einzige polnische Papst Messen gelesen hat.

„Stalins Stachel“

Vom Kultur- und Wissenschaftspalast (Pałac Kultury i Nauki), dem höchsten Gebäude Polens, genießt man eine unglaubliche Aussicht über eine Stadt, die ihre Identität zwischen Ost und West noch nicht ganz gefunden hat, so scheint es. In nur drei Jahren Bauzeit wurde der „Stalinstachel“ – wie das Monument im Volksmund oftmals bezeichnet wird – fertiggestellt. In seinem Inneren befinden sich über 3.000 Räume, verteilt über 42 Etagen. Für viele WarschauerInnen ist das Gebäude jedoch eine Zumutung, da es ein Geschenk Josefs Stalins, nach dem Sieg gegen Deutschland war und sie es als Wahrzeichen des Kommunismus betrachten. Unter den Jungen jedoch, vor allem aber unter den TouristInnen, gewinnt das im „Zuckerbäckerstil“ errichtete Bauwerk wieder zunehmend an Achtung. „Auch wenn ich den Grund des Baus eher beschämend finde, bin ich dennoch stark von der Architektur beeindruckt und finde es toll, dass das Gebäude wissenschaftlich genutzt wird“, beschreibt Agatha S. (16) ihren Eindruck.

Kultur- und Wissenschaftspalast

Kultur- und Wissenschaftspalast

Warschaus wilde Seite

Fährt man mit der Straßenbahn ans andere Ufer der Weichsel, bis „Wybrzeże Helskie“ findet man sich in einer schier anderen Stadt wieder. Die meisten Reiseführer widmen Praga, wenn überhaupt nur eine Randnotiz. Zu abgelegen, zu heruntergekommen, zu marode. Um Praga näher an die Innenstadt zu führen, wird gerade am Bau der zweiten Warschauer U-Bahnlinie gearbeitet.  Wie eine offene Wunde klafft die Metrobaustelle im Stadtteil auf. Die Besitzerinnen und Besitzer der kleinen Läden am Rande der aufgerissenen Straßen beschweren sich über den Verlust der Kundschaft, den der Metro Bau mit sich brachte.

Praga – ein Stadtteil, in dem die Hälfte der Wohnungen nicht über ein eigenes Badezimmer verfügt – erfindet sich momentan von Grund auf neu. Überall eröffnen angesagte Klubs, Kunstgalerien und Kulturfabriken ihre Pforten. Nirgendwo sonst in Warschau findet man noch so viele vom Krieg verschonte Bauwerke und Straßenzüge wie hier.

Steckbrief

Flächenmäßig ist Polen das neunt größte Land Europas, seit 2004 Mitglied in der EU und seit 2007 Mitglied im Schengen-Raum

Mitglied der EurozoneNein. Währung ist der Złoty

EU-Abgeordnete51

KommissarJanusz Lewandowski

VertreterIn im Europäischen RatDonald Tusk

Hauptstadt: Warschau

Einwohnerzahl: 38.501.000

Fläche: 312.685 km²

Bevölkerungsdichte: 123 EinwohnerInnen pro km²

Amtssprache: Polnisch

Minderheitensprachen: Deutsch, Kaschubisch, Jiddisch, Litauisch, Romani, Slowakisch, Tatarisch, Tschechisch, Ukrainisch, Weißrussisch

Fotos: by Konstantin Kladivko